Geschichten aus Paris - Brasserie mit Kultstatus (4/25) - Paris-Poncelet

Geschichten aus Paris – Brasserie mit Kultstatus (4/25)

Heute geht es um eine legendäre Brasserie und ein gefährliches Foto

Chers Amis de la rue Poncelet,

Brasserie Bouillon-Chartier

1) Eine Pariser Zeitreise

Am Samstag aß ich zum ersten Mal in der Brasserie Bouillon-Chartier am Gare de l’Est. Ich war schon lange neugierig auf Bouillon-Chartier, diese Pariser Institution mit Kultstatus. Jeder schien sie zu kennen, außer mir! Also traf mich dort mit Gästen aus meiner Ferienwohnung in der Rue Poncelet.

Bouillon-Chartier mit Gästen

Warten mit Stil

Das Internet hat hier noch keinen Einzug gehalten, denn reservieren kann man nicht, stattdessen stehen zur Mittagszeit ca. 30 Personen geduldig Schlange, von einem Türhüter majestätisch in Schach gehalten. Sobald man hineingebeten wird, taucht man ein in La Belle Epoque.

Bouillon-Chartier - la Salle

Wie alles begann

Bouillon-Chartier war Ende des 19. Jahrhunderts eines der ersten Arbeiterrestaurants, das warme Mahlzeiten zu fairen Preisen anbot. Ein Metzger aus „Les Halles“ hatte die Idee zu einem nahrhaften Eintopf aus Brühe (Bouillon) und Fleisch – dem „Hochepot“. 1896 übernahmen die Brüder Chartier das Konzept und machten daraus ein Erfolgsmodell.

Serviette

Bouillon-Chartier – damals wie heute

Der Kellner notierte die Bestellung auf dem Tischtuch.  Das Essen kam ganz ohne Schnickschnack. Einfache, traditionelle französische Küche für ein paar Euro (Wer hier einen Gourmettempel erwartet, liegt falsch, es gibt keine zu großen Teller, auf denen mit der Pinzette dekorierte Tüpfelchen, Blätter und Blüten liegen).  Bouillon-Chartier serviert Eier mit Mayo, Lauch in Vinaigrette, Boeuf Bourgignon und Choucroute etc…
Wir aßen uns durch das Menü, tranken Wein dazu, hinterher Crème Caramel und Expresso. Dabei tauschten wir unsere Pariser Abenteuer aus und genossen die Stimmung, irgendwo im Saal wurde lautstark Geburtstag gefeiert. Dann kam der Kellner und machte die Rechnung fertig – von Hand mit dem Bleistift auf dem Tischtuch!

Kasse

Und was hat es gekostet?

Ich weiß, über Geld spricht man nicht, ich sage es Ihnen trotzdem, die Rechnung für uns drei betrug 55€! Inbegriffen ein kleines Stück charmantes Paris, das sich seit über 125 Jahren treu geblieben ist.
www.bouillon-chartier.com

2) Das gefährliche Foto

Gare de l'Est

Wenn ich am Gare de l’Est ankomme, und keine Lust auf die Metro, oder den 31ier Bus habe, nehme ich diese Rolltreppe.Ich habe sie Himmelsleiter getauft!  Sie ist die perfekte Verbindung zum oberhalb gelegenen Nordbahnhof (Gare du Nord)

HImmelsleiter

Kürzlich habe ich auch den neuen weitläufigen Busbahnhof hinter dem Nordbahnhof entdeckt. Dort befindet sich die Endstation der Linie 43, die mich schnell und direkt in die Avenue des Ternes bringt – keine 100m von der Wohnung entfernt.  Mein neuer Favorit!

Das Foto

Da ich gerne meine Geheimtipps mit meinen Gästen teile, zückte ich das Smartphone für ein Foto. Ich machte einen Schritt zurück und stolperte rücklings über den hohen Bordstein. Mein Kopf schlug hart auf den Betonboden auf. Innerhalb weniger Sekunden waren Polizei, Bahnbeamte und kurz darauf der Notfalldienst zur Stelle. Mit einer Riesenbeule am Hinterkopf ging es ins nahegelegene Krankenhaus.

Im Krankenhaus

In der Anmeldung dachte ich, ich bin auf dem Polizeirevier. Dort gab es mehr Polizisten als Krankenhauspersonal…doch wohl nicht meinetwegen???  Ich wartete eine Weile, dann brachte mich eine Krankenschwester durch ein Labyrinth von Gängen in einen großen Saal. In der Mitte das Herzstück der Notaufnahme, ringsherum Krankenbetten, teils hinter Vorhängen. Ich durfte mich auf einen Stuhl setzen.

Aufkleber

Kümmert sich denn keiner?

Ich saß dort fast fünf Stunden. Einmal setzte sich ein Pfleger zu mir, sehr freundlich, und meinte „ Es dauert noch ein bisschen, aber keine Sorge, wir passen auf Sie auf“. Die Luft war stickig, es roch sehr streng. Diskret roch ich an einem Parfümpröbchen.  Alles ziemlich gewöhnungsbedürftig. Ich simste mit der Familie, dann war die Batterie platt. Auf der Toilette hing dieser Aufkleber, sinngemäß stand dort: „Wenn Sie bei uns gepflegt werden möchten – dann nehmen Sie sich bitte einen Tag Zeit“. Das klebte wohl noch vom letzten Personalstreik…

Merkblatt

Fazit – Leichte Gehirnerschütterung

Gegen 20 Uhr untersuchte mich eine sehr nette Ärztin. Sie wollte mich allerdings nur entlassen, wenn ich die Nacht nicht allein verbringen müsste! „Ja,“ versprach ich, „mein Nachbar ist da, und ja, er hat einen Schlüssel und lässt sein Handy an“. Ich durfte zurück in die Rue Poncelet, bewaffnet mit einem Merkblatt. (Die Franzosen haben Humor!).  

Zu Hause

An der Wohnungstür hing eine Flasche Wein von meinem Nachbarn, die Wohnung war blitzeblank und Olivia hatte in der Zwischenzeit mein Sofabett vorbereitet. Ich war glücklich und allen Menschen so dankbar für ihre Hilfe und liebevolle Unterstützung.

Herzlichst,
Ihre
Wiebke Ecklé
info@paris-poncelet.com