Abenteuer Höchstgeschwindigkeitszug – TGV

Chers Amis de la Rue Poncelet, liebe Gäste,
ICE oder TGV?
Über die Vor- und Nachteile des TGV’s und des ICE’s kann man streiten! Ich fahre lieber mit dem TGV. OK, das ist vielleicht Chauvinismus, aber wer die Regeln kennt, wird mir recht geben. Z. B.: Die Fahrkarte für den TGV beinhaltet immer auch eine Platzreservierung, ohne die kommt man nicht in den Zug. Also kein Gedrängel, keine doppelte Reservierung und kein Stehen im Gang.
Das Bordbistro
Das TGV Bord-Bistro (Wagen n° 4 oder 14) ist bei den Doppelstockzügen immer oben und hat ganz grosse Panoramafenster. Ehrlich gesagt ist das Bistrot kein Gourmettempel, reicht aber für Kaffee, Bier, Wein und Snacks für den kleinen Hunger – le petit creux!. Die Fahrt zwischen Straßburg und Paris dauert ja nur eine Stunde 44 Min,

Der TGV ist pünktlich(er)
Es gibt noch etwas, was den TGV für mich so attraktiv macht: er ist in 9 von 10 Fällen pünktlich, aber fährt auch ohne anzuhalten bis Paris (500km).
Natürlich hat der ICE Vorteile!!! Er ist komfortabler, die 2. Klasse ist fast so schön wie unsere erste Klasse. Was könnte ich noch hinzufügen? Die Pünktlichkeit? Schon jetzt ein Stressfaktor für mich, denn nächste Woche fahre ich nach Düsseldorf. Bis heute habe ich schon zwei Fahrplanänderungen von der DB bekommen! Also bitte Daumen halten.
Historische Rivalitäten
Eins müssen ICE und TGV gemeinsam meistern: „le saut de mouton“ / wörtlich übersetzt „der Schafssprung“, oder der Weichenwechsel. Im Elsass fährt der Zug nämlich bis Sarrebourg auf der rechten Seite. Der Rechtsverkehr ist ein Erbe der Annexion von Elsass-Lothringen durch Preussen im Jahr 1871. Im übrigen Frankreich fahren die Züge immer links. Ein Überbleibsel historischer Rivalitäten beider Länder Anfang des 19. Jahrhunderts. Die entgegengesetzte Fahrtrichtung sollte im Falle eines Invasionsversuchs das Vorrücken des Feindes verlangsamen. Verdammt schlau! .Nach dem saut de mouton ist aber Tempo angesagt – mindestens 320km/h…

Manchmal fahre ich mit dem Abendzug nach Paris. Man sieht zwar nicht viel von der Landschaft, aber der nächste Tag liegt unangebrochen vor mir. Le bonheur!
Zu Hause in der Rue Poncelet
Kurz vor 21 Uhr stehe ich dann vor der N° 10, schaue kurz zur belebten Brasserie Café Ponce rüber. Soll ich, oder soll ich nicht? Ich entscheide mich für die Wohnung. Tür auf, Licht an, wohlige Wärme strömt mir entgegen. „Danke Michel“ (mein Nachbar, er hat die Heizung angemacht). Mantel aus, Koffer auf dem Kofferboy, Kamin anmachen, (Ein Fake, aber wenigsten ist dies kein Fake News!), Wärmflasche vorsorglich ins gemachte Bett (danke Olivia!). Es hat sich nichts verändert, es ist einfach schön! Ich entkorke die halbe Flasche St Joseph, die mir mein Mann in den Koffer gesteckt hat, setze das mitgebrachtes Essen in die Mikrowelle.

Ist es der Wein? Dieser Moment ist ein „état de grâce“ / eine Art Glückszustand, ein Moment der großen Zufriedenheit und der inneren Ruhe. Vielleicht liegt es an der Wohnung. Sie ist klein, übersichtlich, nicht überfüllt mit alten Erinnerungen und Objekten, die sich im Laufe des Lebens angesammelt haben. Auf meinen Schultern lasten plötzlich keine Alltagsprobleme mehr, mein Kopf ist leicht (ist es der Wein?), bereit für Neues.

Völkerwanderung bis zur Sperre
Der folgende Tag ist voll von Abenteuern, mehr dazu in meinem nächsten Brief. Schon steht die Heimreise an: Anders als am Bahnhof in Deutschland steht das Gleis nicht ein Jahr im voraus fest, sondern nur 20 Minuten vor Abfahrt und zwar auf allen Anzeigetafeln im Bahnhof. Das erspart den Stress, in letzter Minute treppauf-treppab von einem Bahnsteig zum Nächsten laufen zu müssen, wie so oft in Deutschland, wenn der Zug ausserplanmäßig auf einem anderen Gleis einfährt.
An französischen Bahnhöfen kommt es allerdings gerne zu einer Völkerwanderung bis zur Sperre, sobald das Gleis angezeigt wird, doch mit dem Ë-Ticket oder QR Code geht es eigentlich ganz rasch. Manchmal sind 2 TGVs aneinandergekoppelt, dann muss man ganz gut zu Fuß sein, denn die Züge sind lang. Aber der Wagenanzeiger steht immer fest, es gibt keine Überraschung in letzter Minute.
Also bloß kein Stress im TGV.
