Geschichten aus Paris und der Rue Poncelet 1/19 – Alltag in der Rue Poncelet

Chers Amis de la Rue Poncelet, liebe Gäste,

Blauer Himmel, Sonne, Kribbelgefühl, Frühling: Es ist richtig was los auf dem Markt Poncelet, denn am Sonntagmorgen kaufen viele Pariser frisch für die ganze Woche ein. Da begegnet einem auch schon mal ein Promi. „Wer war das noch? Habe ich doch schon mal irgendwo gesehen!“ Und – aber das bleib unter uns – ich drehe mich auch manchmal diskret um und denke: „toller Mann, oder tolle Frau“, denn hier geht eben „ganz Paris“ spazieren.  

 „Adèle“ mit ihrem Blumenstand rechts von unserem Haustor hat den Frühling fast für sich allein gepachtet: ein buntes Blumenmeer! Sie strahlt mit der Sonne um die Wette. Neben ihr steht das Weinfass vom Weinhändler „Nysa“, es dient ihm als Tisch, an dem er seine neuesten Tropfen ausschenkt. Wem es für den Aperitif  noch zu früh ist, trinkt vor der „Brûlerie des Ternes“ (Kaffeebrennerei) am Stehtisch einen „kleinen Schwarzen“.  Gegenüber beim „Kaffeehaus“ lockt Ralf Edeler, der Chef persönlich, mit frischen Bretzeln und Schwarzwälder Kirschtorten an seinem Stand, und im „Café Ponce“ hat Jérôme schon die Terrasse für mittags eingedeckt, Südseite natürlich. Bei „Alléosse“, dem Käsehändler, stehen die Leute auf der Straße Schlange. Wie immer, denn er ist ja der „Käsepapst“ von Paris. Wer in der Gastronomie Rang und Namen hat, kauft/bestellt seinen Käse hier.

Was ich Ihnen hier beschreibe, ist eigentlich ein Alltagsbild vom Markt, doch heute ist es irgendwie anders. Die Menschen lächeln, ohne Stress, alle sind cool, es muss also das Wetter sein!

Auch die kleine Wohnung in der 4. Etage strahlt: Rodolphe war am Werk und hat repariert, erneuert und verschönert. Olivia entfernte jedes Staubkorn und freut sich nun auf neue und alte Gäste. Tja und ich? Jede Menge Strichlisten und wenig Zeit, deshalb habe ich eine Anrichte für die Essecke im TGV! mit nach Paris genommen. Sie sieht unter dem Poster „Midnight in Paris“ von Woody Allen richtig hübsch aus und schafft mehr Platz in der Küchenzeile. Außerdem fuhr ich mit der Metro quer durch Paris, und transportierte für Rodolphe‘s Einsatz fünfzehn Fußleisten, eine Jede 2,40 m lang…irgendwann am Abend entkorkten wir zusammen mit Rodolphe und meinem Freund und Nachbarn Michel  eine Flasche und feierten die ersten Verschönerungen. Ich brauche Ihnen sicher nicht zu sagen, dass ich danach K.O. war und natürlich nicht mehr ausgegangen bin…

…Ausgegangen bin ich neulich mit meinem Mann, und zwar in den Jazz Club „Le Petit Journal“ (zu Deutsch: Die kleine Zeitung) am Boulevard St Michel. Dort arbeitet die Freundin von Rodolphe. Der Eingang ist so klein wie ein Zeitungskiosk, vollgeklebt mit Plakaten. Normal, denn hier singt und spielt jeden Abend ein anderes Orchester. Dabei ist der Ort winzig. Platz ist, über den Daumen gepeilt, für 60 Personen im Keller. Um 20 Uhr wird ein durchaus korrektes Abendessen serviert, um 21 Uhr gibt’s dann Jazz live. Wir saßen so dicht am sechs Mann starken Orchester, dass ich den Pianisten mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können. Also mittendrin. Die Atmosphäre um uns herum war was man auf Französisch „bon enfant“ nennen würde: ohne Chichi, einfach gemütlich. Die Gäste: alt, mittel und jung, darunter sogar ein kleines Mädchen, Einheimische aber auch Touristen. So war Paris vor 50 Jahren, und so ist es auch heute noch. Man muss es nur finden. (71, Boulevard St Michel direkt an der RER Station Jardin du Luxembourg).

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